29. Juni 2011

Daniel Carsenty beschreibt, wie sinnvoll die Förderprogramme der Sapir Filmhochschule sind.

IraelHaifanachts3

Das Sapir College feiert im Jahr 2011 das 10jährige Bestehen in Sderot mit seinem Cinema South Film Festival vom 29. Mai bis 6. Juni.
Man könnte denken, dass der westliche Negev kaum ein Ort für eine akademische Institution ist, die sich mit Kino beschäftigt. Sie ist weit entfernt von den "Kulturzentren" des modernen Tel-Aviv und historischen Jerusalem. Allerdings hat die Fakultät für Film und Fernsehen in den letzten Jahren sich den Ruf einer der führenden Filmschulen in Israel erworben. Tatsächlich sehen viele sie als die herausragende Filmschule im Land an, deren Absolvent/innen regelmäßig viele der begehrten Preise bei israelischen Filmfestivals gewinnen.

Der Austauschstudent Daniel Carsenty machte die Erfahrung, wie sinnvoll die Förderprogramme des Sapir College sind: Er lebt ganz in der Nähe des College im Kibbuz Gevim. Ehrlich-Reisen als Förderer von Sapir möchte Ihnen seinen Bericht nicht vorenthalten:
„Welche persönliche politische Ansicht man auch immer hat – sechs Kilometer entfernt von der weltweit meist diskutierten Konfliktzone zu leben, zwingt jeden, über sich sowie die eigene politische und moralische Einstellung nachzudenken“
„Mein erstes Semester ist vorüber. Bisher habe ich mit Avi Mograbi gearbeitet, der Dokumentarfilm und Filmkunst lehrt sowie mit Danae Elon, der einen Kurs “Dreharbeit für Regisseure” gibt. Dazu habe ich noch einen Kurs in Kinematografie bei Philippe Belaiche belegt. Die meisten Kurse werden in Hebräisch abgehalten. Da ist es für mich gar nicht so einfach, dem Unterricht zu folgen. Ich verfüge zwar über einen gewissen Grundwortschatz in Hebräisch, den mir mein Vater beigebracht hat, den ich so nach und nach an einer Sprachschule erweitere. Aber meine Freunde helfen mir und übersetzen während des Unterrichts, damit ich diesem irgendwie folgen kann. Das war zwar am Anfang ein wenig frustrierend, aber heute, nach einigen Monaten, komme ich mit meinem Hebräisch klar und keine Studienaufgaben ganz gut erledigen. Meine Arbeiten werden auf Englisch besprochen, sodass ich gut verstehen kann, über was der Lehrer und die Klasse diskutieren.
Während der letzten sechs Wochen hat sich der Unterricht hauptsächlich damit beschäftigt, wie man Dokumentarfilme dreht, was für mich sehr wichtig war. In gewisser Weise hat das mir die Möglichkeit gegeben, noch einmal von Null an das Thema Dokumentarfilm heranzugehen, in dem ich zwar schon Erfahrungen gesammelt hatte, aber nichtig aus der Sicht eines Regisseurs. Ich musste meinen eigenen Film drehen, und es war am Anfang für mich recht schwierig, in einem fremden Land in einer anderen Sprache und mit anderen Bräuchen, aber es hat sich gelohnt, dass ich gezwungen war, auf mich selbst gestellt meine eigene Ideen umzusetzen. Auf meiner Filmschule in Potsdam waren wir in unterschiedliche Klassen aufgegliedert – Kameraleute, Regisseure, Produzenten und so weiter, um nur den Job auszuüben, den wir dort erlernten. Aber im Sapir College ist das anders. Hier studiert jeder Filmkunst und findet dabei allmählich heraus, in welche Richtung er später gehen will. So wie ich plötzlich als Regisseur arbeitete, könnte es sein, dass ich in einigen Jahren als Kameramann für einen anderen Regisseur arbeite. Ich habe inzwischen die die Freiheit der Entwicklung, die ich in Sapir genieße, zu schätzen gelernt.
Das Sapir College liegt am westlichen Ende der Negev Wüste in der Nähe von Sderot, einer kleinen Stadt mit etwa 20.000 Einwohnern. Sderot ist die langweiligste Stadt, die ich je kennengelernt habe. Hier gibt es kaum kulturelles Leben und keinerlei studentisches Nachtleben mit Bars oder Cafés. Vermutlich liegt einer der Gründe in den wiederholten Raketenangriffen der Hamas aus dem benachbarten Gaza Streifen. Sie haben zwar in 2010 damit aufgehört, aber die deprimierende Atmosphäre der Belagerungszeiten ist in der Stadt noch spürbar.
Das Sapir College liegt also nicht wie weltweit die meisten Filmakademien in oder in der Nähe einer Hauptstadt wie Tel Aviv oder Berlin, sondern es ist genau umgekehrt. Sapir liegt inmitten einer Region mit politischen Konflikten – hier ist es die Nähe des Gaza Streifens, den die Israelis als ein gesperrtes Feindesland ansehen und die Palästinenser als das weltweit größte Open-Air-Gefängnis. Welche persönliche politische Ansicht man auch immer hat – sechs Kilometer entfernt von der weltweit meist diskutierten Konfliktzone zu leben, zwingt jeden, über sich und seine eigene politische Sichtweise sowie seine moralische Einstellung nachzudenken. An einem sonnigen Tag scheint der Gaza Streifen weit weg zu sein, am nächsten ist er präsenter als irgend sonst etwas.
Als ich Avi Mograbi den Rohschnitt meiner Dokumentation über einen Israeli , der sich in ein Mädchen aus Ramallah verliebt, zeigen wollte, gab es im College ironischerweise Raketenalarm Ausgerechnet während der Vorführung meines Film, in dem ich den palästinensischen Aspekt des Konflikts bearbeitet habe, wurde ich Zeuge eines palästinensischen Raketenangriffs.
Das ist was ich meine, wenn ich sage, dass ich als Student des Sapir College immer und immer wieder gezwungen bin, meine eigene politische Meinung und moralischen Werte auf ein Neues zu hinterfragen. Und das ist es auch, warum ich es spannend finde, hier und nicht in Tel Aviv oder Berlin sondern in dieser Zone der politischen Konflikte und Zerrissenheiten zu studieren. Ich studiere nicht nur Filmkunst in Sapir und besuche meinen Unterricht, sondern ich studiere das Zusammenleben mit einer großen Vielfalt von Menschen, deren Meinungen und persönliche Erfahrungen sehr unterschiedlich sind.
Das Sapir College verfügt zwar nicht über allzu viel technische Ausstattung und kann auch die Studenten kaum finanziell unterstützen, aber das wird wettgemacht durch das tiefe Interesse der Professoren an ihren Schülen und die gegenseitige Hilfe unter der Kommilitonen. Anders ausgedrückt, aus den geringen technischen und finanziellen Mitteln mit von allen das Beste herausgeholt. Improvisieren und mit geringstem Budget zu arbeiten, in unserer Branche mit zunehmend knappen Budgets und immer weniger Webung eine wertvolle Erfahrung.
Im vergangenen Semester habe ich in der Klasse von Avi Mograbi zwei kurze Dokumentarfilme von etwa 15 Minuten gedreht. Einen über einen sudanesischen Flüchtling, der auf den Straßen von Tel Aviv lebt, und einen über einen Israeli, der sich in ein Mädchen aus Ramallah verliebt. Daneben habe ich als Kameramann an der Dokumentation eines Kommilitonen mitgewirkt über die Beziehung zwischen Menschen und Affen im Jerusalemer Zoo und einer Dokumentation über eine Frau die religiös gewesen ist und heute als Punk in Tel Aviv lebt.
Neben den Dokumentarfilmen wirkte ich noch als Kameramann an den Abschlussprojekten von Ella Bashan mit, einem Tanzfilm, der orientalischen Tanz, Flamenco, Modern Dance verbindet, und als Kameraassistent bei den in 16mm gedreht Filmen von Nahar Shabtai und Shay Dashevsky sowie von Heedai Koren.
Die Arbeit an den Filmprojekten der Studenten gab mir die Chance, sehr viel durch Israel zu reisen und viele unterschiedliche Orte kennenzulernen, wie Metulla im Norden, die Beduinenstadt Rahat in der Negev Wüste im Süden. Und ich hatte die große Chance sehr viel die Filmproduktion in Israel zu lernen.
Im kommenden Semester werde ich die Klasse von David Vollach besuchen, dem Regisseur des Films „My Father My Lord“. Ich bin an der Vorbereitung meines ersten Films mit 30 Minuten Länge, den ich im Juli mit Hilfe meiner Kommilitonen drehen werde. In den letzten Monaten habe ich das Skript geschrieben – die bisherige Studienzeit hat meine Sinne geschärft und mir neue künstlerische Impulse gegeben und meinen Wunsch vertief, Regisseur zu werden. Und mich hinzusetzen und ein Drehbuch zu schreiben und ihn mit Partner aus dem Sapir College wie Ido Khenin und Shay Dashevsky, die mich bei diesem Projekt unterstützen wollen.
Am Anfang erschien mir das Leben in einem Kibbuz ziemlich langweilig und deprimierend. Aber inzwischen habe ich gelernt, die Stille und Ruhe zu nutzen und mich auf meine Arbeit und mein Drehbuch zu konzentrieren. Hier kann ich mit viel weniger Störungen leben als in einer großen Stadt. Und ich habe viel mehr geistige Klarheit gefunden als in meiner Berliner Studienzeit. Auf diese Weise habe ich vielfältig von meiner Zeit am Sapir College und im Kibbuz Gevim profitiert.

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1 Kommentare

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Kommentare

  • Deinen eetsrn Lauf vergisst Du nie!Ich kann dir noch jedes Detail vom Hamburg Marathon von 2003 erzahlen!Dieses Jahr bin ich bereits 4 Marathons gelaufen, ich muss oft uberlegen wo uberhaupt

    Erstellt von Open, Dienstag, 23. Februar 2012 (vor 3 Monat)

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